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Grindelviertel in Hamburg: Universität, Hochhäuser und Geschichte

Das Grindelviertel in Hamburg: Universitätscampus, die Grindelhochhäuser der Nachkriegszeit und die jüdische Geschichte um den Joseph-Carlebach-Platz.

Aktualisiert 4. Jul 2026 · Redaktion Komm du
Buchhandlung und Altbaufassaden im Grindelviertel in Hamburg

Das Grindelviertel ist eines der Hamburger Gebiete, die jeder benennen kann und keine Karte ausweist. Es hat keine Verwaltungsgrenze, sondern einen Namen, der von drei Straßen stammt: Grindelallee, Grindelhof und Grindelberg. Was dazwischenliegt, verteilt sich über Rotherbaum und Teile von Harvestehude und gehört zum Bezirk Eimsbüttel. Zusammengehalten wird es durch drei Dinge, die nur hier zusammenkommen: eine Universität ohne Campusmauer, das erste große Hochhausensemble der Bundesrepublik und die Geschichte des jüdischen Hamburg.

Der Campus, der keine Grenze hat

Die Universität Hamburg hat hier ihren Hauptstandort, und sie ist kein abgeschlossenes Gelände. Das Hauptgebäude an der Edmund-Siemers-Allee, der Von-Melle-Park mit Hörsälen und Mensa, die Staats- und Universitätsbibliothek und zahlreiche Institute in umgebauten Wohnhäusern liegen im offenen Straßennetz. Man betritt den Campus nicht, man gerät hinein.

Das prägt den Alltag stärker als jede Architektur. Zwischen den Vorlesungszeiten ändert sich das Gesicht des Viertels erkennbar; in den Semesterferien wirken dieselben Straßen leer, die im Semester von morgens bis abends belebt sind. Buchhandel, Kopierläden und Nahversorgung haben sich auf diesen Rhythmus eingestellt, und entlang der Grindelallee bildet er die Grundlage einer Geschäftsstruktur, die es in dieser Dichte in vergleichbaren Wohnlagen nicht gibt.

Zwölf Scheiben aus der Nachkriegszeit

Der auffälligste Bau des Viertels ist kein einzelnes Haus, sondern eine Reihe. Zwischen 1946 und 1956 entstanden am Grindelberg zwölf Hochhausscheiben, die als erste größere Hochhaussiedlung Westdeutschlands gelten. Geplant wurden sie zunächst als Wohnungen für Angehörige der britischen Besatzungsmacht; ab Mitte der Fünfzigerjahre gingen sie in allgemeine Nutzung über.

Städtebaulich war das ein Bruch. Die Bauten stehen frei im Grünen statt an der Straßenkante, sie sind höher als alles ringsum, und sie folgen einer Vorstellung von Wohnen, die mit dem gründerzeitlichen Umfeld nichts zu tun hat. Heute stehen sie unter Denkmalschutz, und die Auseinandersetzung um ihre Sanierung ist ein wiederkehrendes Thema: Was am Bestand erhalten bleiben soll, was energetisch nachgerüstet werden muss und wer die Wohnungen anschließend bezahlen kann, wird seit Jahren verhandelt. Wer sich für die Baugeschichte der Nachkriegsjahrzehnte interessiert, findet hier einen ihrer wichtigsten deutschen Orte, und zwar in bewohntem Zustand, nicht als Denkmalkulisse.

Der Platz, an dem etwas fehlt

Am Joseph-Carlebach-Platz stand bis 1938 die Bornplatzsynagoge, 1906 geweiht und die größte Synagoge Norddeutschlands. Sie wurde im Novemberpogrom schwer beschädigt und anschließend auf behördliche Anordnung abgetragen; die Kosten des Abbruchs wurden der jüdischen Gemeinde auferlegt. Der Platz trägt seit den Achtzigerjahren den Namen des letzten Hamburger Oberrabbiners, der 1942 im besetzten Osteuropa ermordet wurde.

Auf der Fläche liegt ein Bodenmosaik, das den Grundriss des zerstörten Gewölbes nachzeichnet. Es bildet den Bau nicht nach, sondern markiert seine Abwesenheit, und es tut das ohne erklärende Geste. Seit einigen Jahren wird über einen Wiederaufbau der Synagoge diskutiert. Die Frage ist nicht entschieden, und sie wird auch innerhalb der jüdischen Gemeinde unterschiedlich beantwortet, unter anderem weil ein Neubau das Mahnmal ersetzen würde, das den Verlust gerade sichtbar hält.

Was der Grindel vor 1933 war

Der Bereich um den Grindel war einer der Schwerpunkte jüdischen Lebens in Hamburg. Gemeindeeinrichtungen, Vereine, Schulen und eine dichte Wohnbevölkerung lagen hier auf engem Raum. Am Grindelhof steht das 1911 bezogene Gebäude der Talmud Tora Schule, die zu den bedeutendsten jüdischen Schulen Deutschlands zählte, 1942 geschlossen wurde und deren Haus nach Jahrzehnten anderer Nutzung an die Gemeinde zurückgegeben wurde und heute wieder eine Schule beherbergt.

Von der übrigen Struktur ist im Stadtbild wenig übrig. Sie ist nicht verfallen, sondern zerstört worden, und zwar durch Vertreibung, Enteignung und Deportation der Menschen, die sie trugen. Im Straßenraum liegen zahlreiche Stolpersteine mit ihren Namen. Wer durch das Viertel geht und auf die Gehwege achtet, bekommt eine Vorstellung von der Dichte dieser Nachbarschaft, die durch keine Erläuterungstafel zu ersetzen ist. Das ist der Grund, warum sich der Grindel nicht als Sehenswürdigkeit abarbeiten lässt: Der Ort ist alltäglich geblieben, und die Geschichte liegt darin, nicht daneben.

Zwischen Alster und Dammtor

Nach Osten öffnet sich das Viertel zur Außenalster. Entlang der Rothenbaumchaussee und der Alsterufer liegen großbürgerliche Villen und Institutsgebäude, dazwischen das Museum am Rothenbaum mit seinen völkerkundlichen Sammlungen, das die koloniale Herkunft seiner Bestände seit einigen Jahren offen zum Thema macht. Weiter südlich liegt der Bahnhof Dammtor und dahinter der Grünzug von Planten un Blomen.

Auch das Tennisstadion am Rothenbaum gehört hierher, ein Sportbau mitten in einem Wohngebiet, der die meiste Zeit des Jahres unauffällig bleibt. Insgesamt ist der östliche Rand des Viertels ruhiger, teurer und weniger studentisch als der westliche entlang der Grindelallee, wo die Universität den Ton angibt.

Wie man hineinkommt

Es gibt keinen Bahnhof, der das Grindelviertel bedient, und das ist bezeichnend. Von Osten kommend steigt man am Dammtor aus und geht an der Universität vorbei nach Norden, von Westen her über die Hochbahnstationen an der Grenze zu Eimsbüttel. Von der Binnenalster aus sind es zu Fuß etwa zwanzig Minuten, und dieser Weg ist der aufschlussreichste, weil er die Abfolge zeigt: repräsentative Bauten am Wasser, dann Institutsgebäude, dann Wohnstraßen, dann Hochhäuser.

Die Grindelallee bildet die durchgehende Achse und trägt den größten Teil des Alltagsverkehrs. Wer das Viertel in einer Richtung durchmisst, folgt ihr von der Universität bis zur Hoheluftchaussee und biegt unterwegs in die Querstraßen ab, in denen die Wohnbebauung dichter und ruhiger wird. Zwei Stunden reichen für diesen Rundgang, wenn man die Gehwege im Blick behält.

Der Widerspruch, den das Viertel aushält

Das Grindelviertel gilt als Studentenviertel und ist keines mehr, jedenfalls nicht als Wohnort. Rotherbaum und Harvestehude gehören zu den teuersten Lagen Hamburgs, und ein großer Teil der Studierenden pendelt aus Barmbek, Eimsbüttel oder von noch weiter her ein. Tagsüber ist das Viertel jung, abends bürgerlich und ruhig, und diese beiden Zustände teilen sich denselben Straßenraum, ohne viel voneinander zu wissen.

Das ist keine Besonderheit dieses Quartiers, aber hier besonders deutlich, weil der Abstand zwischen der Nutzung und den Wohnkosten so groß ist. Wer wissen will, wie ein gründerzeitliches Viertel aussieht, in dem Wohnen und Nutzung noch dieselbe Bevölkerung betreffen, findet den Vergleich in Ottensen oder im Quartiere-Register.

Häufige Fragen

Wo liegt das Grindelviertel in Hamburg?

Das Grindelviertel liegt nordwestlich der Binnenalster zwischen Dammtor, Rothenbaumchaussee und der Grenze zu Eimsbüttel. Es verteilt sich über die Stadtteile Rotherbaum und Harvestehude und gehört zum Bezirk Eimsbüttel. Der Name stammt von den Straßen Grindelallee, Grindelhof und Grindelberg, die das Gebiet durchziehen.

Ist das Grindelviertel ein eigener Stadtteil?

Nein. Es ist eine im Alltag fest etablierte Ortsbezeichnung ohne Verwaltungsgrenze. Offiziell liegt das Gebiet in Rotherbaum und zu Teilen in Harvestehude. Solche inoffiziellen Quartiersnamen sind in Hamburg verbreitet und beschreiben meist einen zusammenhängenden Alltagsraum, der sich nicht an Stadtteilgrenzen hält.

Was sind die Grindelhochhäuser?

Ein Ensemble von zwölf Hochhausscheiben, das zwischen 1946 und 1956 entstand und als erste größere Hochhaussiedlung in Westdeutschland gilt. Geplant wurde es zunächst für Angehörige der britischen Besatzungsmacht, ab Mitte der Fünfzigerjahre kam es in allgemeine Nutzung. Die Bauten stehen unter Denkmalschutz.

Welche Universität liegt im Grindelviertel?

Die Universität Hamburg hat hier ihren Hauptstandort. Das Hauptgebäude an der Edmund-Siemers-Allee, der Campus am Von-Melle-Park mit Hörsälen und Mensa sowie die Staats- und Universitätsbibliothek liegen alle im Viertel. Der Campus ist nicht umzäunt und geht ohne Übergang in die umliegenden Wohnstraßen über.

Was war die Bornplatzsynagoge?

Die größte Synagoge Norddeutschlands, 1906 geweiht und Hauptsynagoge der Hamburger Gemeinde. Sie wurde im Novemberpogrom 1938 schwer beschädigt und anschließend auf behördliche Anordnung abgetragen; die Kosten des Abbruchs wurden der Gemeinde auferlegt. Der Platz trägt heute den Namen des letzten Hamburger Oberrabbiners Joseph Carlebach, der 1942 im besetzten Osteuropa ermordet wurde.

Was erinnert heute an die Synagoge?

Auf dem Joseph-Carlebach-Platz liegt ein Bodenmosaik, das den Grundriss des zerstörten Gewölbes nachzeichnet. Es wurde in den Achtzigerjahren angelegt und markiert die Stelle, ohne den Bau nachzubilden. Seit einigen Jahren wird über einen Wiederaufbau der Synagoge diskutiert; die Auffassungen dazu gehen auch innerhalb der jüdischen Gemeinde auseinander.

Welche Rolle spielte das Viertel in der jüdischen Geschichte Hamburgs?

Der Grindel war vor 1933 einer der Schwerpunkte jüdischen Lebens in Hamburg, mit Gemeindeeinrichtungen, Schulen, Vereinen und einer dichten Wohnbevölkerung. Die nationalsozialistische Verfolgung zerstörte diese Struktur vollständig. Zahlreiche Stolpersteine im Straßenraum nennen die Namen der Bewohnerinnen und Bewohner, die deportiert und ermordet wurden.

Was ist die Talmud Tora Schule?

Ein 1911 bezogenes Schulgebäude am Grindelhof, das zu den bedeutendsten jüdischen Schulen Deutschlands gehörte und 1942 geschlossen wurde. Nach jahrzehntelanger anderer Nutzung wurde das Haus der jüdischen Gemeinde zurückgegeben, saniert und beherbergt wieder eine Schule. Der Bau steht an prominenter Stelle am Grindelhof und gehört zu den wenigen baulich erhaltenen Einrichtungen des jüdischen Grindel.

Was ist das Museum am Rothenbaum?

Ein völkerkundliches Museum an der Rothenbaumchaussee, das Sammlungen zu Kulturen und Künsten der Welt zeigt und sich in den vergangenen Jahren intensiv mit der kolonialen Herkunft seiner Bestände auseinandergesetzt hat. Es liegt am östlichen Rand des Viertels, in Gehweite des Dammtorbahnhofs.

Ist das Grindelviertel ein Studentenviertel?

Der Alltag wird von der Universität geprägt, das Wohnen längst nicht mehr. Die Mieten in Rotherbaum und Harvestehude gehören zu den höchsten der Stadt, sodass ein großer Teil der Studierenden andernorts wohnt und nur zum Studium herkommt. Das Viertel ist tagsüber studentisch und abends deutlich ruhiger.