St. Georg in Hamburg: Zwischen Hauptbahnhof, Lange Reihe und Alster
St. Georg in Hamburg: Lange Reihe, Hansaplatz, Steindamm und Alsterufer neben dem Hauptbahnhof – Lage, Geschichte und die Widersprüche des Viertels.
St. Georg ist der Stadtteil, in dem Hamburg am wenigsten zusammenpasst. Auf einer Fläche, die sich in einer halben Stunde durchqueren lässt, liegen der Hauptbahnhof mit seinem Umfeld, eine der belebtesten Straßen der inneren Stadt, ein Platz, über dessen soziale Lage seit Jahrzehnten öffentlich gestritten wird, und ein Alsterufer mit repräsentativer Bebauung. Diese Teile grenzen unmittelbar aneinander, ohne ineinander überzugehen. Wer nur einen davon gesehen hat, hat einen falschen Eindruck vom Ganzen.
Der Ursprung vor den Toren
Der Name des Stadtteils geht auf ein mittelalterliches Hospital zurück, das dem heiligen Georg geweiht war und bewusst außerhalb der Stadtmauern angelegt wurde. Einrichtungen für Kranke, insbesondere für Aussätzige, hatten innerhalb der Befestigung keinen Platz. Um dieses Haus entstand über Jahrhunderte eine Siedlung, die lange nicht zur Stadt gehörte, sondern zu ihrem Vorfeld.
Diese Herkunft ist mehr als eine Anekdote. Sie erklärt, warum St. Georg bis heute die Rolle des Randes im Zentrum spielt. Was die Stadt an ihren Rand schob, blieb hier, auch nachdem der Rand längst Mitte geworden war. Der Stadtteil hat diese Funktion nie ganz abgelegt, und ein Teil der Konflikte, die hier ausgetragen werden, ist die späte Fortsetzung einer sehr alten Arbeitsteilung.
Der Bahnhof als Nachbar
Kaum ein Hamburger Stadtteil wird so stark von einem einzigen Bauwerk bestimmt wie St. Georg vom Hauptbahnhof. Er liegt genau auf der westlichen Grenze und bündelt Fern-, Regional-, S- und U-Bahn-Verkehr an einem Punkt. Damit ist er nicht nur Verkehrsanlage, sondern auch der Ort, an dem täglich sehr viele Menschen den Stadtteil betreten, ohne ihn als Stadtteil wahrzunehmen.
Das Umfeld eines derart frequentierten Bahnhofs bringt Erscheinungen mit sich, die in Hamburg fast ausschließlich hier sichtbar werden: offener Drogenkonsum, Obdachlosigkeit, Einrichtungen der Suchthilfe, dazu die Betriebsamkeit von Reisenden, Handel und Ordnungskräften. Der Bahnhofsvorplatz ist deshalb kein Abbild des Stadtteils, sondern seine am stärksten belastete Kante. Auch der zentrale Omnibusbahnhof liegt in unmittelbarer Nähe, was den Effekt verstärkt.
Kirchenallee und Steintorplatz
Direkt gegenüber dem Bahnhof, an der Kirchenallee, steht das Deutsche Schauspielhaus, eines der großen Sprechtheater des Landes. Wenige Schritte entfernt spielt das Ohnsorg-Theater, das für seine niederdeutschen Produktionen bekannt ist. Dass zwei Häuser dieses Ranges unmittelbar am Bahnhofsvorplatz liegen, ist eine Hamburger Eigenheit, die anderswo kaum vorkommt. Einen Überblick über das Programm der Stadt gibt die Seite zu Theater in Hamburg.
Auf der Südseite des Bahnhofs schließt der Steintorplatz an, an dem das Museum für Kunst und Gewerbe steht. Es zählt zu den bedeutenden Sammlungen für Kunsthandwerk, Design und Kunstgewerbe in Europa. Auch hier gilt: Zwischen Museumseingang und Bahnsteig liegen wenige Meter. Weitere Häuser stehen in der Übersicht der Museen in Hamburg.
Die Lange Reihe
Die Lange Reihe ist die eigentliche Hauptstraße des Viertels und verläuft in Nord-Süd-Richtung mitten hindurch. Sie ist niedriger bebaut als die meisten Innenstadtstraßen, kleinteilig genutzt und über weite Strecken von Erdgeschosslokalen gesäumt. Ihre Wirkung entsteht nicht aus einzelnen Adressen, sondern aus der Dichte: Wohnen, Handel und Gastronomie liegen hier auf engstem Raum übereinander.
Die Straße ist außerdem seit Jahrzehnten ein Schwerpunkt queeren Lebens in Hamburg. Diese Prägung ist im Straßenbild sichtbar und hat den Stadtteil überregional bekannt gemacht. Sie ist zugleich einer der Gründe für die starke Aufwertung der vergangenen Jahre, denn eine Straße mit Ruf zieht Nachfrage an, und Nachfrage verändert Mieten und Nutzungen. Wer heute durch die Lange Reihe geht, sieht ein Stück Stadt, das sein eigenes Milieu erfolgreich behauptet und dabei teurer geworden ist, als es die meisten der Menschen, die es aufgebaut haben, bezahlen können.
Hansaplatz und der andere Teil
Wenige Querstraßen weiter liegt der Hansaplatz, ein von Gründerzeitbauten gefasster Platz mit einem historischen Brunnen in der Mitte. Baulich ist er einer der geschlossensten Plätze der inneren Stadt. Sozial ist er seit Jahrzehnten der Ort, an dem Hamburg über Drogenszene, Straßenprostitution und Ordnungspolitik streitet. Der Platz wurde mehrfach umgestaltet, neu beleuchtet, mit Regeln belegt und wieder anders geregelt.
Ein Stück östlich verläuft der Steindamm, die zweite große Achse. Er ist stark von Betrieben migrantisch geprägter Inhaber bestimmt, dazwischen liegen Moscheen, Spielhallen und Rotlichtgewerbe. Der Abstand zwischen der aufgewerteten Lange Reihe und dem Steindamm beträgt wenige hundert Meter, der Unterschied im Straßenbild ist erheblich. Diese Gleichzeitigkeit ist kein Übergangszustand, sondern der Normalzustand des Stadtteils, und sie ist auch der Grund, warum die Debatte über St. Georg selten zu einem Ergebnis kommt.
Die Alster als Rückseite
Nach Norden hin endet St. Georg an der Außenalster. Über die Straße An der Alster erreicht man das Ufer und den Rundweg, der um das gesamte Gewässer führt. Die Bebauung an dieser Kante ist repräsentativ, großbürgerlich und hat mit dem Bahnhofsumfeld optisch nichts gemein, obwohl beides zum selben Stadtteil gehört und nur wenige Minuten auseinanderliegt.
Für Bewohner ist diese Nordkante die stille Seite des Viertels. Der Uferweg wird zum Laufen, Radfahren und Spazieren genutzt, im Sommer liegen Ruderboote und Segeljollen auf dem Wasser. Der Kontrast zwischen dieser Zone und dem Rest des Stadtteils ist die zweite große Spannung St. Georgs, nach der zwischen Lange Reihe und Steindamm.
Wohnen unter Druck
St. Georg gehört zu den Stadtteilen, in denen der Mietanstieg der vergangenen Jahre besonders deutlich zu spüren ist. Die Kombination aus zentraler Lage, Altbaubestand und einem Viertel mit Ruf hat den Nachfragedruck stark erhöht. Gleichzeitig ist der Anteil an Sozialwohnungen und an Bewohnern mit geringem Einkommen historisch hoch, sodass Verdrängung hier nicht abstrakt bleibt, sondern konkrete Nachbarschaften betrifft.
Hinzu kommt ein zweiter Druck, der aus der Lage folgt: Hotels, Kurzzeitvermietung und bahnhofsnahe Nutzungen konkurrieren mit dem Wohnen um dieselben Flächen. Stadtteilinitiativen thematisieren beides seit Jahren, in ähnlicher Form, wie es in St. Pauli geschieht. Für Besucher ist davon wenig zu sehen; im Alltag der Bewohner ist es das bestimmende Thema.
Praktisch
St. Georg lässt sich zu Fuß erschließen, und das ist die einzige sinnvolle Art. Vom Bahnhof über die Kirchenallee in die Lange Reihe, von dort nach Norden bis ans Wasser, zurück über den Hansaplatz und den Steindamm: Diese Runde dauert eine gute Stunde und zeigt alle vier Gesichter des Stadtteils in der Reihenfolge, in der sie tatsächlich nebeneinanderliegen.
Wer anschließend den Gegensatz sucht, findet ihn südlich der Bahn in der HafenCity, einem Quartier, das aus der entgegengesetzten Richtung entstanden ist: geplant statt gewachsen, neu statt überschrieben. Alle weiteren Viertel stehen im Quartiere-Register.
Häufige Fragen
Wo liegt St. Georg in Hamburg?
St. Georg liegt im Bezirk Hamburg-Mitte, unmittelbar östlich des Hauptbahnhofs. Im Norden reicht der Stadtteil bis an die Außenalster, im Süden bis in Richtung Deichtorplatz und Hammerbrook. Trotz der zentralen Lage ist er flächenmäßig klein und lässt sich zu Fuß in kurzer Zeit durchqueren.
Wie kommt man nach St. Georg?
Über den Hauptbahnhof, der direkt am westlichen Rand des Stadtteils liegt und Fern-, Regional-, S- und U-Bahn-Verkehr bündelt. Die Ausgänge in Richtung Kirchenallee und Steintorplatz führen unmittelbar ins Viertel. Zusätzlich halten mehrere U-Bahn- und Buslinien im Stadtteil selbst, sodass auch die weiter östlich gelegenen Straßenzüge angebunden sind.
Was ist die Lange Reihe?
Die Lange Reihe ist die zentrale Straße St. Georgs und verläuft in Nord-Süd-Richtung durch das Viertel. Sie ist überwiegend niedrig bebaut, kleinteilig genutzt und gilt als eine der belebtesten Straßen der inneren Stadt. Gastronomie, Einzelhandel und Wohnen liegen hier dicht nebeneinander.
Warum heißt der Stadtteil St. Georg?
Der Name geht auf ein mittelalterliches Hospital zurück, das dem heiligen Georg geweiht war und außerhalb der Stadtmauern lag. Solche Einrichtungen für Kranke wurden bewusst vor die Tore gelegt. Aus der Siedlung um dieses Hospital entwickelte sich später der Stadtteil.
Ist St. Georg ein gefährliches Viertel?
Das Umfeld des Hauptbahnhofs und der Hansaplatz gelten als soziale Brennpunkte, an denen Drogenkonsum und Obdachlosigkeit sichtbar sind. Das prägt den ersten Eindruck stark, betrifft aber räumlich begrenzte Bereiche. Der übrige Stadtteil ist ein normales, dicht bewohntes Innenstadtquartier, in dem sich Familien, Studierende und langjährige Bewohner den Alltag teilen.
Was ist der Hansaplatz?
Der Hansaplatz ist ein von Gründerzeitbauten gefasster Platz im Inneren St. Georgs mit einem historischen Brunnen in der Mitte. Er steht seit Jahrzehnten im Zentrum der Debatte über Drogenszene, Prostitution und Ordnungspolitik im Stadtteil und wurde mehrfach umgestaltet und neu geregelt.
Welche Theater gibt es in St. Georg?
Das Deutsche Schauspielhaus an der Kirchenallee ist eines der großen Sprechtheater Deutschlands und liegt direkt gegenüber dem Hauptbahnhof. In unmittelbarer Nähe spielt das Ohnsorg-Theater, das für seine niederdeutschen Produktionen bekannt ist. Beide Häuser prägen den Bahnhofsvorplatz städtebaulich mit und sorgen dafür, dass abends Theaterpublikum und Reisende denselben Vorplatz nutzen.
Was ist der Steindamm?
Der Steindamm ist die zweite große Achse des Stadtteils und verläuft parallel zur Lange Reihe. Er ist stark vom Handel migrantisch geprägter Betriebe bestimmt, daneben liegen Moscheen, Spielhallen und Betriebe des Rotlichtgewerbes. Der Kontrast zur Lange Reihe ist innerhalb weniger hundert Meter deutlich.
Gilt St. Georg als queeres Viertel?
Ja. St. Georg ist seit Jahrzehnten ein Schwerpunkt des queeren Lebens in Hamburg, sichtbar vor allem entlang der Lange Reihe und in den angrenzenden Straßen. Der Stadtteil ist Ausgangspunkt und Bezugsort für Veranstaltungen der Community und wird in der Stadt entsprechend wahrgenommen.
Kommt man von St. Georg aus an die Alster?
Ja, der nördliche Teil des Stadtteils grenzt direkt an die Außenalster. Über die Straße An der Alster erreicht man das Ufer und den Rundweg, der um das gesamte Gewässer führt. Der Weg vom Hauptbahnhof dorthin dauert nur wenige Minuten zu Fuß.